Gerlind Reinshagen
Im übrigen jedoch kommts in der Kunst auf
Liebe nicht an. Oder jedenfalls auf keine
der bekannten Art. In der Kunst so wenig wie
im Leben. Es kommt auf eine neue unbekann-
te Spezies an, eine, der alten Liebe verschwi-
stert, doch heißer, doch von größerem Aus-
maß. Auf die kommt es an. Und nur auf sie.
(G.R.: Göttergeschichte S. 213)
„Warum den ‚Atem anhalten‘?
Weil es Ereignisse im Menschenleben gibt, die nur im Zustand größter Konzentration und Anspannung zu begreifen sind, in äußerster Verzweiflung beispielsweise oder angesichts irrwitzigster Schönheit. Und wo, frag ich, wäre beides (Schönheit und Verzweiflung) besser aufgehoben als im Gedicht?“
Gerlind Reinshagen hat in fünfzig Jahren viele Theaterstücke, Hörspiele, Romane und Geschichten geschrieben - und immer auch Gedichte. Zum ersten Mal gesammelt, zeigt sich, daß sie einen integralen Bestandteil ihres Werks bilden – beherzte und hoch empfindsame lyrische Nahaufnahmen von Figuren, von Situationen und Stimmungen, die uns, so oder ähnlich, nicht nur in der Welt ihrer Texte begegnet sind.
„Gewaltig und rein zugleich ist aber das Gedicht "Annäherung an eine Person", eine scheue und doch entschlossene Reise in das Schloß der Seele, wie das die Teresa von Avila genannt- und-umrissen hat… Dieses Gedicht "hörte" ich simultan gesungen, in einer noch unentdeckten Schubert-Melodie, unhörbar und umso hörbarer, weder Bariton noch Sopran, leiser noch als "auf leisen Sohlen" -“
Peter Handke
Vom Feuer - Gerlind Reinshagen
Wie beschreibe ich dir, Vermißter, was nicht zu beschreiben ist? Wovon niemand mehr spricht? An das sich keiner, den ich frage, mehr erinnern will, was keiner denken kann im Ganzen: das tausendfache Sterben unserer Stadt, drei Tage vor Kriegsende. Fahr ich zurück, geh ich durch fremde, neu gezogene Straßen, bekomme ich auf falsch gestellte Fragen falsche Antwort. Als wäre der Tod nicht zu greifen mit Worten. Die Früheren immerhin sangen den Krieg, den Sieg, das Morgenrot.
Rovinato - Gerlind Reinshagen
Die Ruschigk ist eine, die ein Privatleben hat. Zwar behaupten das viele von sich, Bilder werden herumgezeigt: Kinder auf Rutschbahnen, junge Männer bei der Silvesterfeier mit Glas in der Hand, eine Locke forsch, wie unabsichtlich, in der Stirn, Frauen mit Säuglingen vor der Brust, die älteren Männer im guten Anzug, geradezu und aufrecht in die Linse blickend; aber glauben, nein, glauben tut man es ihnen allen miteinander doch nicht so recht. Man sieht, was spät am Abend und am Wochenende sich zuhause ereignet.
Die Frau und die Stadt
An einem ihrer letzten Berliner Tage besteigt Gertrud Kolmar im Morgengrauen die Siegessäule, um zu springen, um Schluß zu machen, selbstbestimmt, wenn auch nicht aus freien Stücken – bevor sie von der Fabrikarbeit weggeholt und ins Vernichtungslager transportiert wird. Schließlich steigt sie wieder herunter. Sie hat beschlossen, durchzuhalten bis zum letzten Augenblick, und sei es nur, »um ein Dreck zu werden unter euren Stiefeln, Mörderbande, der euch noch tausend Jahr lang an den Sohlen kleben soll«.
Die Grüne Tür - Gerlind Reinshagen
Während Marilyn spricht, kreisen die Männer sie mit ihren Motorrädern und Photoapparaten ein, legen sie schließlich auf den Samtteppich und fangen an, sie in verschiedene Pin-up-Posen zu bringen. Das Ganze soll aber nicht sexuell aggressiv, sondern sehr behutsam, fast liebevoll vor sich gehen. Marilyn spricht immer langsamer, die Männer bewegen dabei ihre Arme, ihre Beine, lassen sie knien, liegen, einer setzt ihr die blonde Perücke auf: ordnet lange und ausführlich das blonde Haar.
Göttergeschichte - Gerlind Reinshagen
Der Mann sah aus dem Fenster. Wie er dastand in seinen Wanderstiefeln, die geöffneten Lippen wehrlos gegen den hellen Himmel, als wollte die Welt mit Gewalt in ihn einströmen, und er zu schwach, dem Ansturm standzuhalten, meinte alle Welt, daß er krank sein müsse. Die Frau mit den Flußaugen lachte gellend. Glauben Sie doch nur das nicht, schrie sie, der Kerl spielt ja nur!
Eine Welt aus Sprache - Gerlind Reinshagen
Gerlind Reinshagen gilt als eine der bedeutendsten AutorInnen der deutschen Gegenwartsliteratur – seit fast vierzig Jahren zählen ihre Romane und Theaterstücke, welche unter anderem von Claus Peymann aufgeführt wurden, zu den inhaltlich brisanten und prägenden Werken unserer Zeit. Mit ihrer kraftvollen, direkten Sprache brachte Gerlind Reinshagen neue Impulse in die Literatur ein, experimentierte schon früh mit neuen Ausdrucksweisen für die Bühne.
In diesem Band wird zum ersten Mal die Gesamtkarriere der Schriftstellerin von international bekannten Kritikern und Wissenschaftlern umfassend dargestellt.
Theaterstücke
Sie verfasste zahlreiche Romane, Theaterstücke und Hörspiele. 1977 gewann Sie mit Ihrem Stück Sonntagskinder den Mülheimer Dramatikerpreis.